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Mathematik

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Interview von Gudrun

Dr. Gudrun Thäter ist Professorin am Karlsruher Institut für Technologie und 47 Jahre alt. Sie hat Mathematik in Dresden studiert und beschäftigt sich in ihrer Freizeit mit Musik.

Was und an welcher Hochschule haben Sie studiert?

Mathematik auf Diplom an der TU in Dresden.

Was hat Sie dazu bewogen, dieses Studium zu realisieren? Haben Sie erst eine andere Richtung eingeschlagen?

Ich war während der Schulzeit in den Mathematik-Olympiaden erfolgreich. Daraufhin wurde ich extra gefördert und hatte damit das Gefühl 1) das macht mir Spaß 2) das kann ich. Außerdem legt man sich mit Mathematik als Studium nicht auf ein späteres Tätigkeitsfeld fest. Ich habe mich mit der Wahl des Mathe-Studiums also auch um die Entscheidung geschummelt, was ich später werden will. Von den anderen geförderten Schülern sind viele auch Ingenieure geworden, weil sie schon genauere Vorstellungen hatten, was sie gern tun möchten.

Hatten Sie vor oder während des Studiums bereits praktische Erfahrungen in Form von Nebenjobs, Ferienjobs, Teilnahme am Girls’ Day – Mädchen-Zukunftstag, Praktika, Werkstudentinnentätigkeiten?

In unserem Studium gab es ein Industriepraktikum von 3 Monaten. Das habe ich in einem Betrieb absolviert, wo Zuschnittsoptimierung gebraucht wurde. Hier musste ich tatsächlich 1) überlegen, wie man überhaupt die beste Lösung finden kann ohne alle Lösungen durchzuprobieren (das dauert nämlich zu lange) 2) die Strategie programmieren 3) das Programm für den Betrieb sinnvoll einbinden in andere Software.

Welchen Rat würden Sie einer Schülerin mit auf den Weg geben, die überlegt ob sie in einem MINT-Fach studieren soll?

Was in der Schule Mathematik heißt, ist meistens „nur“ rechnen. Mathematik ist aber viel mehr. Es ist ein Werkzeug, Ordnung in die Welt zu bringen. Meist ist der Sprung von der Schule zum Studium hier besonders unsanft. Man kommt sich leicht zu dumm vor. Meist hilft hier, dass man erst einmal durchhält und so gut wie möglich versucht, sich zurecht zu finden (also schon mit viel Fleiß). Nach einiger Zeit fällt es einem wie Schuppen von den Augen, was das eigentlich alles soll. Und man ärgert sich, warum man es in der Schule nicht gleich so gelernt hat.

In Ihrer Freizeit beschäftigen Sie sich am liebsten mit...

lesen und Musik hören.

An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit und wie dürfen wir uns dieses Arbeitsgebiet vorstellen?

Ich arbeite auf dem Feld der Strömungsrechnung. Dies ist ein Feld was sich Mathematiker und Ingenieure teilen. Da wir in unserer Arbeitsgruppe mit Computern versuchen, Strömungen zu simulieren, brauchen wir auch Hilfe von Informatikern und manchmal sogar von Künstlern, die sich damit auskennen, wie man Dinge dreidimensional anschauen und dabei verstehen kann.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitsalltag aus?

Meine Zeit teilt sich in viele Teilaufgaben auf. Am besten vorstellen können sich die meisten, was es bedeutet, dass ich Vorlesungen halte. Ich habe fast jeden Tag einen Termin, wo ich Studenten unterrichte. Typischerweise dauert das etwa 1,5 Std. Im Zusammenhang mit dem Unterricht kommen auch oft Studenten mit Fragen zu mir. Ich betreue Hausarbeiten und Abschlussarbeiten (Bachelor, Master, Diplom). Zum Teil werden die Arbeiten auch in anderen Fachgebieten als der Mathematik geschrieben und ich begutachte den mathematischen Anteil dabei. Das finde ich sehr interessant, weil ich dabei die anderen Fakultäten der Universität kennenlerne. In unserer Arbeitsgruppe arbeiten etwa 30 Leute daran, Strömungen auf dem Computer zu simulieren. Wir benötigen dafür die schnellsten Computer die es gibt. Diese stehen nicht unbedingt in unserer Nähe und man muss Anträge schreiben, um dort rechnen zu dürfen. Anträge schreiben, um für spezielle Forschungsthemen finanzielle Unterstützung zu bekommen, gehört auch sonst zu den häufigen Tätigkeiten. Wir beantragen Geld bei verschiedenen großen Firmen, Stiftungen, Ministerien und bei der EU. Ich selbst denke auch über ungelöste mathematische Fragen für die Strömungsgleichungen nach und schreibe (meist mit Kollegen aus dem In- und Ausland) auf, welche Antworten es gibt. Diese Arbeiten erscheinen dann in Fachzeitschriften, wenn andere Kollegen sie geprüft und für interessant eingeschätzt haben. Ich fahre auf Konferenzen, um dort diese Ergebnisse vorzustellen und meine Kollegen zu treffen und mich zu besprechen, was der neuste Stand der Forschung ist.

Ist es für eine Frau schwieriger in einem eher männerdominierten Berufsfeld zu arbeiten? Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?

Ich habe direkt nach dem Studium als Entwicklungsingenieur gearbeitet. Dort kam es mir zugute, dass ich eine Frau war. Ich musste mit vielen verschiedenen Fachleuten reden und alles koordinieren. Das fiel leicht, nachdem ich mir nicht mehr dumm vorkam, immer alle fragen zu müssen. Den Männern fiel es auch leichter, zu einer jungen Frau nett und offen zu sein als z.B. zu meinem Chef. Als ich später an die Universität kam und dort nach und nach die Qualifikationsstufen durchlaufen habe, habe ich sehr häufig den Eindruck gehabt, dass ich als Frau nicht für voll genommen wurde. Es ist eine Tagung, man kennt sich nicht und ich werde selbstverständlich als die Sekretärin oder die Gattin angesprochen. Natürlich gibt es viele Männer, die mit mir genauso arbeiten wie mit einem Mann. Sonst hätte ich an der Universität irgendwann aufgegeben. Aber gerade während der Zeit als ich mich für Professuren vorgestellt habe, war ich sehr frustriert, weil ich gesehen habe, wie gleich gute Männer die Stellen bekommen haben und ich nicht.

Was fasziniert Sie an Ihrer Tätigkeit am meisten?

Mich fasziniert dass kein Tag wie der andere ist. Ich finde es toll, junge Leute zu unterrichten. Am schönsten ist es wenn ich sehe, wie sich junge Leute zu kompetenten Fachleuten entwickeln und ihren Weg ins Leben finden. Ich freue mich, dass ich auf der ganzen Welt nette Kollegen habe, von denen manche sehr gute Freunde für mich geworden sind.

Sind Sie in Projekten/Maßnahmen aktiv, die es sich zum Ziel gesetzt haben, junge Menschen für MINT zu begeistern? Wenn ja, wie versuchen Sie, dieses Ziel umzusetzen?

Ich bin im Cybermentor-Projekt, ich spreche auf Uni-Einsteiger-Tagen, habe häufig Workshops im Rahmen des girlsdays veranstaltet. Unter den Studenten versuche ich auch besonders auf Mädchen zuzugehen und sie darin zu bestärken, was sie gut können. Ich habe auch schon als Mentorin für junge Frauen innerhalb der Universität gemacht.

Wie schaffen Sie es, Beruf und Familie zu vereinbaren?

Mein Sohn wurde ungeplant im Studium geboren. Ich habe damals nur kurz pausiert und ganz normal zu Ende studiert. Mit meinem Mann und einer Kinderkrippe konnten wir uns in die Betreuung teilen. Natürlich war es sehr anstrengend und daneben war nicht viel Platz in meinem Leben. Andererseits war ich sehr jung und hatte genug Optimismus und Elan um das gut zu schaffen. Unsere Tochter ist kurz nach meinem Diplom geboren, damit die Geschwister etwa 2-3 Jahre Altersabstand haben. Ich hatte eine Stelle als Entwicklungsingenieur und war dort zwei Jahre beurlaubt bei einem gewissen Prozentsatz meines Einkommens, was uns als Familie gereicht hat (mein Mann war noch Student). Anschließend bin ich in meinen Beruf zurück und mein Mann war ein Jahr bei den Kindern zu Hause. Schwierig wurde es, als wir nach Paderborn umgezogen sind, weil wir dort zunächst keinen Kindergartenplatz für unser jüngeres Kind gefunden haben – das ältere kam schon in die Schule. Ich habe mich dann viele Jahre in halb bezahlten Beschäftigungen durchgewurschtelt. An der Uni profitiert man davon, dass man sich viele Arbeiten frei einteilen kann und als Mathematiker kann man fast überall arbeiten. Trotzdem war es wirklich knifflig, obwohl die Kinder ja schon lange nicht mehr klein waren. Inzwischen sind beide erwachsen und wohnen gar nicht mehr bei uns.

Welche beruflichen Ziele haben Sie persönlich für Ihre eigene Karriere?

Ich bin da angekommen wo ich hin wollte.

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